Willkommen Atem

Der Atem begleitet uns durch das gesamte Leben. So nahe an der Ursprünglichkeit des Lebens, macht sich das winzige Wesen bei der Geburt auf den Weg aus dem Ozean des Fruchtwassers zur eigenständigen Atmung. Mit der ersten Einatmung begrüsst das neugeborene Wesen die Welt und mit dem letzten Ausatmen verabschiedet sich der Mensch vom irdischen Dasein.

Du lebst durch den Atem, wirst mit dem ersten Atemzug geboren und stirbst, wenn der Atem dich verlässt. Im Zentrum des Seins ist der Atem.

Geburt der Atmung

Während der Schwangerschaft atmet der Fötus im Mutterleib nicht eigenständig, die werdende Mutter atmet für sich und das ungeborene Kind. Ein eindrucksvoller und einzigartiger Moment ist die Geburt des Atems mit dem ersten hörbaren Laut des Neugeborenen. Bis dahin kann sich die Zeitspanne unendlich lang anfühlen, obwohl es in der Regel nach der Geburt nur etwa eine Minute dauert, bevor der erste Atemzug mit einer mächtigen Kraft kommt. Aus der Kehle des Neugeborenen kann dieser Urschrei ein Befreiungsschrei sein, vielleicht aber auch ein Ausdruck des Abschiedsschmerzes aus der geschützten Mitte in die weite Welt. Bereits mit dem ersten Laut zeigt sich, wie verschieden und zugleich einzigartig die neugeborenen Wesen sind.

Beginn des neuen Lebens

Ein neues Leben beginnt mit der Geburt und das Neugeborene macht zum ersten Mal Bekanntschaft mit dem Gefühl «ich will atmen, ich benötige Luft». Ich will atmen – das neue Leben ausserhalb des Mutterleibs beginnt mit der kaum erkennbaren Atempause und dem Gefühl «ich benötige Luft». Nach dem ersten befreienden Atemzug geht alles unvorstellbar sanft und leicht. Tief in den kleinen Bauch fliesst der Atem durch den Körper, in der gewohnten Vertrautheit und Erinnerung an die Atembewegungen im Bauch der schwangeren Mutter. Wie viele Atemrhythmen zwischen Geburt und Sterben liegen, kann niemand wahrhaftig sagen. Doch je bewusster und leichter der Atem geführt wird, umso nachhaltiger ist die Gesundheit und Qualität des Lebens. Das achtsame Atmen liegt in der Erinnerung an die sanfte Atmung eines Neugeborenen, das vollkommen dem natürlichen Atemrhythmus folgt.

Du lebst durch den Atem, du bist das Ergebnis des Atems, deine Wahrnehmung basiert auf deinem Atem. In dem Moment, da du mit deinem Atem verbunden bist, fliesst das unerschöpfliche Universum in dich ein.

Die Nasenatmung folgt dem Rhythmus einer Blüte, nur wenige wissen, dass die Nasenöffnungen in einem ureigenen Rhythmus pulsieren, sich wie eine Blüte öffnen und schliessen. Dies je nach der Stimmung, dem Geisteszustand oder dem Stand von Sonne und Mond. Dieser Rhythmus beinhaltet das grosse und einzigartige Geheimnis des Lebens. Schon den alten Indern war die Wissenschaft der Nasenzyklen bekannt. Der alte tantrische Text Shiva Svarodaya beschreibt, wie eine Nasenöffnung sich öffnet, um den Atem durch dieses Tor einzulassen, während sich die andere für den Tag sanft schliesst. An manchen Tagen gähnt sich die rechte Nasenöffnung wach, um die Sonne willkommen zu heissen, an anderen Tagen erwacht die linke und begrüsst den Vollmond. Die Rhythmen wiederholen sich laut dem Text jeden Monat und sind allen Menschen gemeinsam.

Leben mit dem Atem

Die beiden Ausdrücke Atmung und Atem werden im alltäglichen Sprachgebrauch häufig synonym verwendet. Grundsätzlich wird der Vorgang des Atmens als Atmung bezeichnet. In der Schulmedizin versteht man unter Atmung den physischen Teil des Atmens, wobei zwischen der äusseren Atmung, einem anatomischen, physiologischen Aspekt, und der inneren Atmung, dem biochemischen Aspekt unterschieden wird. Die Luftmenge, die beim Atmen bewegt wird, wird als Atem bezeichnet. Dabei wird bei der Einatmung die Lunge mit Luft gefüllt und bei der Ausatmung die Luft wieder ausgestossen. Ein Mensch atmet täglich durchschnittlich 20`000 – 21`000 mal und bewegt dabei rund zwölf Kubikmeter Luft. Im normalen Alltagsleben wird der Atmung keine besondere Beachtung geschenkt, sodass die meisten Menschen keinen bewussten und achtsamen Umgang mit dem eigenen Atem haben.

Die Gestalt des Körpers hängt vom Atem ab und der Atem wiederum von der Gestalt. Wenn der Atem vollkommen ist, dann auch die Gestalt.

Chinesischer Spruch aus dem 8. Jahrhundert n. Chr.

Der Rückzug des Atems

Während dem Sterbeprozess kann sich der Atem zunehmend verändern. Der Atemrhythmus kann viel schneller werden und die Häufigkeit der Ein- und Astatmung kann sich vermehren. Oder der Atem kann auch langsamer werden, mit langen Pausen zwischen den Atemzügen. Dabei kann beim Ausatmen ein rasselndes Geräusch entstehen. Die geräuschvolle Atmung wird als Rasselatmung oder auch präfinales Rasseln beschrieben, die in den letzten Tagen und Stunden des Lebens auftreten kann. Die Rasselatmung wird von den Sterbenden nicht als belastendes Geräusch wahrgenommen und ist in der Regel nicht mit Atemnot verbunden.

Mit dem letzten Atemhauch, der ein letztes Mal durch die Nasenöffnungen und den Mund fliesst, beginnt der Rückzug aus dem irdischen Leben. So schliesst sich der Kreislauf zu einer neuen Geburt in einem anderen Daseinsbereich.

Der Atem in verschiedenen Kulturen

In verschiedenen philosophischen Kulturen wird der Atem als Kunst zur achtsamen Gestaltung des Lebens und zum bewussten Begleiter des Sterbens betrachtet. Der Atem bietet ein grossartiges Potenzial zur Transformation und zur Weiterentwicklung des spirituellen und geistigen Bewusstseins.

Die philosophischen Hochkulturen, wie zum Beispiel die alten Griechen, kannten die Bedeutung des Atems. Die beiden Begriffe Odem und Pneuma stehen sowohl für den Atem als auch für den Geist und die Seele als Wortbedeutung. In den indischen Philosophiesystemen sehen viele Formen des Yogas den Atem als Brücke und Mittler zwischen den Daseinsbereichen. Verschiedene Atemtechniken werden im Yoga als Pranayamas geübt und vertieft. Auch in der ägyptischen Kultur zur Zeit der Pharaonen wurde dem Atem eine besondere Bedeutung zugesprochen. Der Name der Göttin Selket hat die tiefe Bedeutung «die atmen lässt», dieser Aspekt hatte vor allem eine besondere Bedeutung bei der Heilung. Des weiteren hatte die sogenannte Mundöffnung bei Verstorbenen die Bedeutung dem Toten ein Weierleben in der Totenwelt zu ermöglichen. In der Atemtherapie entstanden nach dem Zweiten Weltkrieg verschiedene Methoden, den Atem therapeutisch zu nutzen. In der Strömung der Neuen Musik des 20. Und 21. Jahrhunderts wurde bei Solostücken für Querflöten der Atem gezielt eingesetzt, um durch bewusst hörbar gemachte Atemgeräusche bestimmte Assoziationen zu erzeugen.

Die Kunst des Atems

Das gesamte lichtvolle Mysterium des Lebens offenbart sich durch die Atmung. Wer es versteht, mit dem feinen Luftstrom des Atems bewusst zu arbeiten, der läutert, belebt und intensiviert den inneren Wesenskern. In der Lehre des Yogas nimmt das Kultivieren des Atemzyklus, die bewusste Achtsamkeit des Atems, die Atemreinigung und die Atemhaltung und -lenkung einen elementaren Raum zur Befreiung aus dem ewigen weltlichen Kreislauf ein.

Der Atemvorgang wir dabei genauer betrachtet und über ihn nachgesinnt, denn er ist die fundamentale Grundlage der menschlichen Existenz. Die Gesundheit und Reinheit des gesamten Organismus hängen von der Atmung ab, die auch das gesamte Sein formt. Die Ursache vieler Müdigkeitserscheinungen ist in der unbewussten Atmung und der Vergeudung der Kräfte zu suchen. Wird die Atmung jedoch langsam und tief geführt, hat der Atem Zeit in den Körper zu fliessen. Dann wird er für ein paar Sekunden bewusst angehalten, damit er in die tieferen Schichten eindringen, sich ausdehnen und den gesamten Köper füllen kann. Durch den bewussten Atemvorgang werden die im Atem enthaltenen Kräfte genutzt und die Grundenergie wird beständig assimiliert und erneuert. Der gesamte Körper wird geläutert und der Zustand wird beständig verbessert und auf eine höhere Frequenz und Bewusstseinsebene geführt. Die reine Energie des gesamten Organismus hängt von der Qualität der Atmung ab. Der Atem ist immer präsent, er ist Lebenskraft und Energiequelle, die die Praktizierenden achtsam nutzen, um die Weisheit der Quelle allen Seins zu offenbaren.

Das gesamte Geheimnis des Lebens findet sich in der Atmung.

Wechselatmung
Naomi King Portrait

Naomi King

Inhaberin

Ein zufriedener Mensch ist ein Glücklicher! Mit bewährten Methoden aus Yoga, Meditation und Achtsamkeit öffnen sich neue Perspektiven für Gesundheit, Wohlergehen und innere Freude.

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