Tradition des tibetischen Yogas

Der tibetische Yoga in seiner traditionellen Form ist eine der ältesten Bewegungslehren. Seine Wurzeln hat der tibetische Yoga in der Bönkultur, in der buddhistischen Philosophie und im tibetischen Medizinsystem. Vielfältige Einflüsse prägen eine der ältesten Tradition des Yogas.

In der authentischen Tradition des tibetischen Buddhismus wurde die philosophische Lehre sowie die Lehre des Yogas stets mündlich in der direkten Linie von der Lehrperson zur Schülerschaft überliefert. Schüler und Schülerinnen wurden über Jahrzehnte Schritt für Schritt vom Lehrenden in den Yoga eingeführt. Die regelmässige tägliche Praxis diente als Grundfundament, um den Weg eines praktizierenden Yogis oder einer praktizierenden Yogini zu gehen. Die Führung und Begleitung durch eine autorisierte Lehrperson diente nicht dem Aufbau einer Abhängigkeit sondern der Befreiung und einem Leben in Freiheit und innerem Frieden. Die gesamte Lehre war stets strukturgebend für die tägliche disziplinierte Übungspraxis.

Das Fachwissen der ganzheitlichen Yogapraxis beruht bis in die Gegenwart auf den Gesetzmässigkeiten der universellen Lehre des Makro- und Mikrokosmos. Die eigene jahrzehntelange Erfahrung, die Erkenntnis und das Verständnis der Lehre sind Grundpfeiler für eine Lehrtätigkeit im tibetischen Yoga.

Die Lehren beinhalten ebenso die Beherrschung des eigenen Geistes, um den Nährboden für die Erkenntnis der Lehre zu kultivieren.

Drei Pfeiler der Yogalehre

Die Tradition des tibetischen Yogas blickt historisch gesehen auf eine jahrtausendealte Geschichte mit vielfältigen und spannenden Einflüssen zurück. Herausragende Persönlichkeiten prägten durch ihre Erfahrungen und ihr innewohnendes Bewusstsein die vielfältigen Praxisansätze des tibetischen Yogas. Während dieser Zeitgeschichte beeinflussten unterschiedliche philosophische Traditionen und Denkansätze die Ausführungen der facettenreichen Bewegungs-, Achtsamkeits- und Meditationsmethoden. Hier beginnt eine spannende und inspirierende Reise in die Welt der tibetischen Yogatradition.

Die tibetische Yogatradition basiert auf verschiedenen philosophischen und kulturellen Traditionen, je nachdem welche Ausrichtung und Zielsetzung der Yoga beinhaltet. Drei Pfeiler prägen die traditionelle tibetische Yogatradition unter deren Einflüsse sich die unterschiedlichen Yogatechniken entwickelt und entfaltet haben.

Im tibetischen Yoga ist die wechselseitige Beziehung von Makrokosmos und Mikrokosmos elementar und existent. Sie beinhaltet den zentralen Aspekt der Natur der fünf Elemente Erde - Wasser - Feuer - Wind - Raum.

Böntradition

Die ursprünglich kulturelle und spirituelle Tradition der angrenzenden Regionen des Himalaya und Tibets war die Bönkultur, eine der ältesten Kulturgüter der Welt. Die Bönkultur hat bis in die moderne Zeit ihre Bedeutung neben dem tibetischen Buddhismus nicht gänzlich verloren.

Bon - Wahrheit, Wirklichkeit, wahre Lehre steht symbolisch für die philosophischen Qualitäten der Bönkultur, die stark von schamanischen Eigenschaften beeinflusst und geprägt ist. Nach der Verbreitung des Buddhismus im tibetischen Reich, beeinflussten sich Bön und Buddhismus gegenseitig. Schamanische Elemente der Böntradition fanden im Buddhismus Einfluss, wobei die buddhistischen Aspekte der Reinkarnations- und Karmalehre in die Lehre der Bönkultur einfloss. Neben den vier tibetischen Schulsystemen wurde die Bönkultur vom derzeitigen Dalai Lama als fünfte spirituelle Schule des tibetischen Buddhismus anerkannt. 

In der Böntradition stehen die äussere und innere Natur in einer wechselseitigen Beziehung, sie können durch Yogatechniken positiv beeinflusst werden. Der Mikrokosmos wird mit dem Makrokosmos in Einklang gebracht, sodass die fünf Elemente Erde - Wasser - Feuer - Luft - Raum in ihrer existenten Form im Mikrokosmos in ihrer reinsten Form wirken. Der Kreislauf und die Kraft der Natur werden in all ihren Ausdrucksformen respektiert und geachtet. Das naturverbundene Leben wird im Einklang mit all den schöpferischen Kräften der Mutter Erde gepflegt.

Die Bewegungsformen des Yogas bringen die facettenreichen Formen und Aspekte der Natur zum Ausdruck. In Anlehnung an die Natur tragen Yogastellungen und Yogabewegungsformen Namen von Wesen, Tieren und landschaftlichen Naturformen. Die Annäherung und Verbundenheit mit der Natur unterstützt die Kultivierung der innewohnenden Ausdrucksformen und Qualitäten der jeweiligen Aspekte der Natur. In dieser Form werden die fünf Elemente und die inneren feinstofflichen und subtilen Energieformen ausbalanciert und belebt.

Buddhistische Philosophie

Die Wurzeln des Buddhismus liegen in Indien, dessen Begründer historisch Siddhartha Gautama, der als historischer Buddha bezeichnet wird, war. Im 5. oder 6. Jahrhundert v. Chr. entstand der Buddhismus im Nordosten Indiens. Die Lehren basieren auf dem Begründer Siddhartha Gautama, der als Erwachter (Budhha) bekannt wurde. Auf seiner Suche nach der Überwindung des Leidens Samsara, entwickelte er die Lehre der Mittlere Weg. Durch die Grundlehre der Meditation und der Kultivierung der Ethik sollen Gier, Hass und Unwissenheit oder Verblendung überwunden werden und zu einem reinen Geistbewusstsein führen. Die Grundlagen der buddhistischen Theorie und Praxis wurden von Buddha in Form der Vier Edlen Wahrheiten und des Edlen Achtfachen Pfad gelehrt. 

Von Indien breitete sich der Buddhismus über verschiedene asiatische Länder aus und über die nördliche Route gelangte er auch nach Tibet. Aus den buddhistischen Prägungen Nordindiens entwickelt sich der Vajrayana, der sich unter anderem in Tibet, Bhutan, Nepal und der Mongolei ausbreitete. Mit der Begründung des Buddhismus in Tibet wurde die alte Bönkultur teilweise verdrängt und von der buddhistischen Philosophie beeinflusst. 

Im Verlaufe der Zeit entwickelten sich in Tibet vier Hauptschulen. Die älteste tibetische Schule Nyingma geht auf Padmasambhava im 8. Jahrhundert zurück. Die Schule der mündlichen Überlieferung Kagyü wurde im 11. Jahrhundert von Marpa und dessen Schüler Milarepa gegründet. Gefolgt von der Sakya Schule, die ebenso im 11. Jahrhundert von Khön Könchog Gyalpo nach dem gegründeten Kloster benannt wurde. Im 14. Jahrhundert folgte die Gründung der Gelug Schule, die von Tsongkhapa ins Leben gerufen wurde. Der tibetische Buddhismus ist heute in Tibet, Bhutan, Nepal, in Indien in Ladakh und Sikkim, der Mongolei und Teilen Russlands beheimatet.

Die tibetische Yogatradition ist eng mit der buddhistischen Philosophie und deren Lehren zur Realisierung eines reinen Bewusstseins verbunden. So werden die Yogamethoden effektiv genutzt um die Natur des reinen Geistes oder die Buddhanatur zu kultivieren und zu realisieren. Dabei handelt es sich um eine wirkungsvolle Schulung des Geistes, welche durch Bewegungs- und Atemübungen, durch Visualisationen und Meditation die Harmonisierung von Körper und Geist bewirkt. 

Der bekannteste Yogi Tibets ist Milarepa, dessen Lehren vor allem in der Kagyü Schule gelehrt und praktiziert werden. Die praktizierten tibetischen Yogatraditionen Milarepa`s haben ihren Ursprung in Indien. Bis in die moderne Zeit haben die Sechs Yogas von Naropa nicht an Popularität verloren.

Tibetisches Medizinsystem

Historische gesehen etablierte sich vor 3000 Jahren in Tibet eine schamanische Heilkunde, die auf den Lehren der Böntradition basiert. Die tibetischen Heilpflanzen wurden zur Wiederherstellung der Gesundheit eingesetzt und erfreuten sich einer grossen Beliebtheit über die Grenzen Tibets hinaus. 

Mit dem Einzug des Buddhismus wurden auch viele Schriften aus Indien, Nepal und China nach Tibet eingeführt. Unter den Schriften befanden sich auch medizinische Werke wie die vier medizinischen Tantras. Verschiedene Lehren der ayurvedischen und chinesischen Tradition prägten die Entstehung der traditionellen tibetischen Medizin. Darunter auch Schriften der Humoralpathologie des griechischen Arztes Galen. 

Als Hauptbegründer der traditionellen tibetischen Medizin gilt Yuthog Yöntan Gönpo. Er verfasste das Standardwerk der tibetischen Medizin, das nach wie vor in der Lehre der tibetischen Diagnose- und Therapieverfahren genutzt wird.

Yuthog Yöntan Gönpo war Mönch im Kloster Samye und Gelehrter des tibetischen Buddhismus, er gilt als Begründer des ersten Instituts für tibetische Medizin in Tibet. Sein bedeutendstes Werk Gyüshi - Vier Tantras wird als Hauptwerk der frühen tibetischen Medizin betrachtet. Auf der Basis der Schriften von Yuthog Yöntan Gönpo verfasste Yuthog Sarma Yöntan Gönpo die heutige Version des Grundlagenwerkes der tibetischen Medizin. Im 17. Jahrhundert wurden die Schriften erstmals zu Ausbildungszwecken von Sanggye Gyatsho illustriert.

Das tibetische Medizinsystem beinhaltet verschiedene Yogaübungen um therapeutisch auf Beschwerden und Erkrankungen zu wirken. Auf der Basis der Lehre der Elemente werden Disharmonien ausgeglichen und dadurch der Energiefluss im feinstofflichen Kanalsystem angeregt und in seinen natürlichen Fluss geführt. Das Zusammenspiel der körperlichen und geistigen Yogaformen wirkt transformierend auf das innewohnende Bewusstsein. Die Kultivierung neuer Sichtweisen und Erkenntnis wirkt selbstheilend und gleicht Disharmonien aus.

Die Lehre der fünf Elemente Erde - Wasser - Feuer - Luft - Raum ist in den drei Pfeilern der Yogalehre tief verankert. Die Elemente sind Grundaspekte der äusseren, inneren und subtilen Ebene. Sie wirken verbindend und offenbaren den Kreislauf des Werdens und Vergehens in seiner Vereinigung.

Gleichgewicht der Elemente

Im tibetischen Yoga nehmen die fünf Elemente einen zentralen Aspekt ein. Das Grundprinzip der Natur basiert auf der Ausgeglichenheit der fünf Elemente. Die tibetischen Yogaübungen widerspiegeln die innewohnenden Qualitäten der fünf Elemente und das Entstehen und Vergehen der ursprünglichen Natur.

Die Übungspraxis ist auf dem Fundament der natürlichen Qualitäten der Elemente Erde, Wasser, Feuer, Wind und Raum aufgebaut. Die Übungspraxis bildet die Basis der äusseren und inneren Gesundheit und wird auch in Beziehung zur tibetischen Medizin und Astrologie betrachtet.

In schwierigen und herausfordernden Zeiten ist es essentiell die Ausgeglichenheit der fünf Elemente ganzheitlich zu stärken. Die konzentrierte und meditative Praxis des Übungssystems strebt das Gleichgewicht von Erde - Wasser - Feuer - Wind - Raum an.

Naomi King Portrait

Naomi King

Inhaberin

Ein zufriedener Mensch ist ein Glücklicher! Mit bewährten Methoden aus Yoga, Meditation und Achtsamkeit öffnen sich neue Perspektiven für Gesundheit, Wohlergehen und innere Freude.

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